Marco

Mit dreizehn Jahren trägt Marco eine Last, die schwerer wiegt als die Netze der Fischer am Hafen. Seine hagere Gestalt – manche nennen ihn eine Bohnenstange – täuscht über die Stärke hinweg, die in ihm schlummert. Nicht die Stärke der Muskeln, sondern die des Willens.


Seine Mutter kennt er nur aus den wenigen Erinnerungsfetzen, die ihm geblieben sind. Sie starb, als Sofia das Licht der Welt erblickte. Sein Vater, ein Handelsreisender mit ruhelosen Füßen und einem Herzen aus Stein, verschwand kurz darauf in der Weite der Meere. Nie mehr gesehen. Nie vermisst.


Eine Amme versorgte sie einige Jahre, bis auch sie verstarb.


Seitdem ist Marco Sofias Beschützer, ihr großer Bruder, ihre einzige Familie. In seinen dunklen Augen brennt eine Entschlossenheit, die weit über seine Jahre hinausgeht. Er würde alles tun, um sie zu beschützen – selbst wenn es bedeutet, sich Gefahren zu stellen, die größer sind als er selbst.


Und das Meer? Das Meer hat Pläne mit Marco. Große Pläne.













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Sofia

Mit elf Jahren kennt Sofia weder Mutter noch Vater. Die eine nahm sie mit ins Grab, der andere ließ sie zurück, als wäre sie nicht mehr als Ballast auf einer langen Reise. Doch in Sofias Herzen wächst kein Groll – nur ein unerschütterlicher Glaube daran, dass in allem, selbst im Dunkelsten, ein Funken Gutes steckt.


Ihr wirres dunkles Haar weht im Wind wie eine Flagge der Freiheit, wild und ungezähmt. Genau wie sie selbst. Wo andere zögern, geht Sofia voran. Wo andere Gefahr sehen, sieht sie Abenteuer. Ihr Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst – es ist die Entscheidung, trotzdem weiterzugehen.


Marco ist ihr Fels in der Brandung, ihr Beschützer, ihr großer Bruder. Doch Sofia weiß: Manchmal muss auch sie stark sein. Manchmal muss sie diejenige sein, die das Licht in der Dunkelheit findet.


Und das Meer? Das Meer hat auf sie gewartet. Schon immer.















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Charles Vene

Charles Vene sitzt im Dämmerlicht des Kellers, den Rücken gegen die kalte Steinwand gelehnt. Ein Mann, der selbst in Ketten Größe ausstrahlt – breitschultrig, unbeugsam, mit Augen so blau, dass sie selbst in der Dunkelheit zu leuchten scheinen.


Spanisches Blut fließt durch seine Adern, englischer Stolz sitzt in seinen Knochen. Eine Mischung, die ihn nirgendwo wirklich hingehören lässt – und überall.


Mit Mitte dreißig hat Vene genug gesehen, um zu wissen: Die Welt ist nicht schwarz oder weiß. Sie ist grau wie das Meer vor dem Sturm. Ehrenvoller Seefahrer oder skrupelloser Pirat? Die Grenze verschwimmt, je länger man auf See ist. Vene balanciert auf dieser Linie – zerrissen zwischen dem, was richtig ist, und dem, was nötig ist.


Doch eines weiß er mit Sicherheit: Wenn er hier rauskommt, wird er Captain sein. Anführer. Und das Meer wird ihm folgen.

















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Carlo

Carlo trägt seine Vergangenheit im Gesicht – Narben, die von Schlägereien erzählen, von Fäusten und Klingen, von einem Leben, das nie sanft war. Groß und breitschultrig füllt er selbst in der engen Zelle jeden Winkel mit seiner Präsenz. Diebstahl und Schlägerei, so lautet die Anklage. Für Carlo? Ein gewöhnlicher Dienstag.


Er kommt aus einer Familie, in der Plündern so selbstverständlich ist wie Atmen. Moral? Ein Luxus für Leute, die es sich leisten können. Carlo kennt keine Hemmungen, keine Skrupel – aber auch keine grundlose Grausamkeit. Er nimmt, was er braucht. Er kämpft, wenn er muss. Nicht aus Bosheit. Aus Überzeugung.


Mit Mitte dreißig hat er gelernt, dass seine Hände nicht nur zum Zuschlagen taugen. Segel, Takelage, Reparaturen – Carlo kann ein Schiff am Laufen halten, selbst wenn es auseinanderfällt.


Und genau das macht ihn wertvoll. Gefährlich, ja. Aber unverzichtbar.













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Pépe

·Pépe – schlank, nervös, mit Augen, die zu viel gesehen haben – sitzt aufrecht, selbst hier im Dreck des Kerkers. Eitelkeit stirbt nicht so leicht. Sein Hemd mag zerrissen sein, doch er trägt es mit der Würde eines Mannes, der einst in besseren Kreisen verkehrte.


Ein Kurier. Das war er. Mitte dreißig, pflichtbewusst, ehrlich bis zur Naivität. Er überbrachte Nachrichten – nicht mehr, nicht weniger. Doch eine davon missfiel dem falschen Mann. Und so landete Pépe hier, verurteilt für ein Verbrechen, das er nicht beging. Gerechtigkeit? Ein schöner Traum für Narren.


Doch Pépe ist kein Narr mehr. Die Desillusionierung hat ihn gelehrt: Loyalität verdient nur, wer sie erwidert. Und Vene? Vene hat sein Vertrauen.


Seine Kenntnisse von Land und See, von Karten und Sternen, von Navigation und geheimen Routen – sie machen ihn wertvoll. Bald wird man ihn Pájaro nennen. Den Vogel. Denn er wird fliegen.
























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Pear

Pear – so nennen sie ihn wegen seiner Kopfform, birnenförmig und unvorteilhaft. Ende vierzig, untersetzt, mit fettigem Haar, das ihm in Strähnen ins Gesicht hängt. Seine Augen? Misstrauisch, immer auf der Hut, immer berechnend. Ein Mann, der gelernt hat, niemandem zu trauen. Nicht einmal sich selbst.


Er war Koch auf einem Handelsschiff. Ehrliche Arbeit, könnte man meinen. Doch Pear hat nie verstanden, warum er sich mit ehrlichem Lohn zufriedengeben sollte, wenn die Frachträume voller Waren waren, die niemand vermissen würde. Schmuggel. Ein Nebenverdienst. Bis er erwischt wurde.


Zwielichtig? Absolut. Pear ist der Mann, der im Schatten bleibt, der Deals macht, die niemand laut ausspricht. Doch auf einem Schiff voller Ausgestoßener? Da ist er genau richtig.


Und seine Kochkünste? Die halten die Crew am Leben. Auch wenn man besser nicht fragt, was genau im Topf landet.


















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Enzo & Elio

Zwei Gesichter, ein Spiegelbild. Enzo und Elio – Mitte zwanzig, dunkle Haare, südländisches Feuer in den Augen. Identisch bis auf die Narbe über Elios linkem Auge, eine Erinnerung an einen Diebstahl, der schiefging. Oder an einen, der zu gut lief. Je nachdem, wen man fragt.


Die Gassen von Santa Cruz haben sie geformt – schlank, wendig, trickreich. Strauchdiebe, die mit flinken Fingern und noch flinkerem Verstand überlebten. Nicht brutal, nein. Gewalt ist für Leute ohne Fantasie. Die Zwillinge? Die haben Fantasie im Überfluss.


Energisch, chaotisch, unberechenbar – sie bewegen sich wie ein einziger Organismus, denken in derselben Sprache, handeln im selben Atemzug. Was der eine beginnt, vollendet der andere. Wer ist wer? Selbst ihre Opfer wissen es nicht.


Auf See werden sie Allrounder sein, Matrosen, die überall mit anpacken. Doch ihr wahres Talent? Das liegt im Chaos. Und Chaos, das wissen sie, ist manchmal die beste Waffe.





















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Cone

Conejo – der Hase. So nennen sie ihn wegen seiner vorstehenden Zähne, die ihm ein nervöses, hasenhaftes Aussehen verleihen. Cone, für die, die es eilig haben. Und Cone hat es immer eilig. Ängstlich? Ja. Kompetent? Absolut.


Er kennt jede Planke, jedes Seil, jeden Winkel dieses Schiffes. Er war schon Maat, als die vorherige Crew noch das Deck beherrschte. Dann kam die Kaperung. Cone war auf Wache – oder sollte es sein. Doch als die Angreifer kamen, war er... anderswo. Versteckt. Unsichtbar. Als er wieder auftauchte, war es zu spät. Neue Crew, neuer Captain. Und Cone? Cone blieb.


Feige? Vielleicht. Aber er weiß, wie man ein Schiff führt, wie man es am Laufen hält, wie man überlebt. Und Überleben – das ist Cones wahres Talent.


Vene braucht ihn. Die Crew braucht ihn. Auch wenn Cone selbst das manchmal bezweifelt.














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Fancy Brick

Die Fancy Brick. Eine Brigg – zweimastrig, schnell, wendig. Gebaut für die Karibik, für enge Gewässer und schnelle Flucht. Ein Schiff, das aussieht wie viele andere. Doch wer genauer hinsieht, spürt es: Die Fancy Brick ist... anders.


Etwas in der Art, wie sie im Wasser liegt. Etwas in dem Knarren ihrer Planken. Etwas in dem Gefühl, das sie ausstrahlt. Jeder Seemann, der sie zum ersten Mal betritt, zögert einen Moment zu lang.


Gerüchte flüstern durch die Hafenkneipen. Manche sagen, sie sei verflucht. Andere sagen, sie sei gesegnet. Und dann gibt es die, die behaupten, sie sei vom Teufel selbst gebaut worden – ein Schiff, das niemals sinken kann.


Ihre Segel fangen Wind, wo keiner sein sollte. Und wenn die Nacht hereinbricht, schwören manche, sie könnten die Fancy Brick... atmen hören.


Aberglaube? Vielleicht. Oder vielleicht weiß das Schiff mehr, als es verrät.






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